Die Mädchen von Fanø

Als Felix Walner 1969 nach Fanø kam, beschäftigte, ja bedrohte ihn - der meistens im Atelier arbeitet - das Problem, "nach der Natur zu malen". Er traf auf eine Künsterkolonie, deren hierzulande fast vergessener Spiritus rector Reinhard Heinemann während der dreißiger, vierziger Jahre nach etwa fünfzig Jahren die Insel erneut ins Bild gebracht hatte, und die Frage: "Soll ich Landschaften malen wie Heinemann?", machte ihn betroffen.
Auf Fanø ist man allein mit einer urweltlichen natur der Moore, derabgestorbenen Wälder, der weißgewaschenen Baumgerippe. Man wittert die Gefährlichkeit der Natur, alles greift nach einem, die Pflanzen sind Drohung. Man kann dessen, was man sieht, nicht froh werden, oder die Freude wäre unlauter. Trotzdem geben die Menschen sich unbekümmert, unbescheschwert; Anschein von Paradies, aber die Austreibung ist besiegelt.
Als Walner 1970 wieder nach Fanø kam, suchte er Natur außerhalb ihrer nur-stillen, nur-schönen Oasen auf - wo Menschen ihr begegnen, sie auf Menschen eindringt.
Daß es Mädchen sind, die Walner sein Thema geben, ist weder exotischer Vorwand noch erotischer Vorwurf; kein anderer Gauguin malt die sinnlichste aller nördlichen Inseln, ins Helle, ins Heile sich farbenträchtig zu retten, kein Voyeur lauert an Stränden. Sollte ich diese Mädchen nach den Aquarellen beschreiben, ich würde anfangen mit ihren Sanduhrkörpern, die meinen Blick auf allerschmalste Taillen lenken, und wüßte kein jugendhaft fragileres Bild für Vergänglichkeit.
Joachim Schickel